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Wartungstechniker mit virtueller Realität einstellen und weiterbilden

XavierBiseul
Xavier Biseul
18. August 2020
6 Min Lesedauer

Arbeitgeber können erfolgreich testen, ob ein potenzieller Mitarbeiter seiner Aufgabe gewachsen ist. Er wird einfach mit virtueller Realität in seine zukünftige Arbeitsumgebung versetzt. Auf die gleiche Weise können Wartungstechniker in verschiedenen Szenarien weitergebildet werden.

Die Schwierigkeit, technische Kenntnisse und Fähigkeiten zu bewerten

Wie stellt man sicher, dass ein Kandidat für einen Posten geeignet ist? Es gibt bereits alle möglichen Arten von Persönlichkeitstests, die die sozialen Kompetenzen eines Bewerbers aufzeigen. Damit sind die sogenannten Soft Skills gemeint: Autonomie, Teamfähigkeit, Reaktivität, Sorgfalt oder die Fähigkeit, Initiativen zu ergreifen.
 
Die Evaluation von Hard Skills ist dagegen manchmal komplexer. Akademische Kompetenzen können relativ einfach über ein Diplom oder Zertifikat nachgewiesen werden. Fehlt ein solches Dokument, kann ein Fragebogen weiterhelfen. Dagegen lassen sich einige technische Fähigkeiten aber meist nur in der Praxis überprüfen.
 

Zeit für eine realistische Simulation des Arbeitsplatzes

Dies ist der Fall bei einem Wartungstechniker, der entsprechend seines Fachgebietes spezifische Operationen beherrschen muss. Hier ist es unverzichtbar, diese praktischen Fähigkeiten in einer realistischen Arbeitssituation zu testen.
 
Allerdings ist das nicht immer möglich, zum Beispiel wenn es sich eine Situation als zu komplex, gefährlich oder kostenintensiv darstellt. Man kann keine industrielle Produktionsstraße einfach so anhalten, um einen Bewerber zu testen. Auch kann man einen Kandidaten nicht an einen sicherheitsrelevanten Standort, wie zum Beispiel ein Atomkraftwerk mitnehmen.
 
Hier kommen die neuen Technologien ins Spiel, vor allem die virtuelle Realität. Durch die realistische Simulation eines Arbeitsplatzes taucht der Kandidat in ein Universum ab, dass mit der normalen Umgebung seines potenziellen Jobs identisch ist.
 
Er trägt einen Helm, der mit virtueller Realität ausgestattet ist. So schlüpft er in die Haut eines Wartungstechnikers vor Ort, der eine bestimmte Anzahl von Operationen in einer bestimmten Zeit ausführen muss. Der HR-Mitarbeiter beobachtet dabei seine Fertigkeit, seine Analyse-Fähigkeiten und seine physiologischen Reaktionen (Stress, Angst).

Der Techniker unter extremen Bedingungen

Um noch besser einschätzen zu können, wie resistent sich der Kandidat gegenüber Stress verhält, kann er dank virtueller Realität in extreme Situationen versetzt werden. Gemeint sind damit Situationen, die in der Realität schwierig herbeizuführen sind. So muss der angehende Wartungstechniker zum Beispiel bei Nacht ohne externe Lichtquellen arbeiten oder während eines Schneesturms.
 

Haben Sie Höhenangst?

Ein anderes Beispiel: UniVR Studio hat für Unternehmen des Hoch- und Tiefbaus ein Experiment entwickelt, dass einen Arbeitsplatz in extremer Höhe simuliert. Die Zeitarbeitsfirma Randstad hat es getestet. „Der Techniker ist so stark in der Simulation gefangen, dass es für ihn unmöglich ist zu verstecken, wenn er Probleme damit hätte, regelmäßig in großen Höhen zu arbeiten“, erklärt der Direktor von Randstad in einem Blog-Beitrag.
 
Mit der virtueller Realität kann auch überprüft werden, ob der Techniker die Sicherheitsvorschriften beachtet. Auch in einer virtuellen Fabrik wird er von einem Gabelstapler überfahren, wenn er ohne sich umzusehen einen Fahrstreifen überquert.

Einstellungsfehler vermeiden

Wir man sieht, bietet die realistische Simulation des Arbeitsplatzes viele Vorteile. Mit diesem umfassenden Test stellt der Arbeitgeber sicher, dass der Kandidat wirklich über alle Kompetenzen verfügt, die er in der Bewerbung angegeben hat. Natürlich können ergänzende Tests zum technischen Wissen und zur Personalität durchgeführt werden.
 
Der Kandidat wiederum bekommt auf diese Weise einen sehr konkreten Eindruck von der Arbeit, die in erwarten würde. Er sieht quasi seine mögliche Zukunft und kann nun entscheiden, ob das wirklich das Richtige für ihn ist. Damit werden Einstellungsfehler vermieden, die schwere finanzielle für den Arbeitgeber zur Folge haben können. Gehaltszahlungen, Kosten für die Rekrutierung und Einarbeitung oder den Verlust von Produktivität aufgrund der Nichtbesetzung eines Arbeitsplatzes sind hier zu nennen.

Kampf gegen den Fachkräftemangel und Vorurteile

Die virtuelle Realität kann auch Unternehmen helfen, die unter Fachkräftemangel leiden. Vor allem Unternehmen in Bereichen, die wenig attraktiv erscheinen, haben oft Schwierigkeiten, Fachkräfte zu finden. Man denke zum Beispiel an Wartungstechniker in der Industrie.
 
Die virtuelle Realität gibt den Unternehmen ein modernes Image, weit entfernt von überholten Stereotypen gegenüber Industrieberufen. Sauber, ruhig, sicher und hightech. So präsentiert sich die Fabrik von heute.
 
Im Kampf gegen Stereotype kann ein HR-Manager mit einem VR-Helm in der Hand eine Jobmesse besuchen und Studierenden oder Schulabgängern die Realität der freien Arbeitsstellen zeigen. Dieses neue Tool in der Personalstrategie ist vor allem gegenüber der neuen und neuesten Generation wichtig, um sie zu begeistern und zu binden.
 

Die Mehrheit der Kandidaten findet diese neue Art der Suche nach Fachkräften gut.

Laut einer neuen Studie des Personaldienstleisters Robert Walters begrüßt die Mehrheit der Kandidaten diese neue Art der Suche nach Fachkräften. Auch wenn nur 4% der befragten Unternehmen dieses neue Tool benutzt haben, waren doch 72% der Kandidaten, die es ausprobiert haben, begeistert. Von den Kandidaten, die noch nie einen VR-Helm getestet haben, wünschte sich einer von dreien, dies einmal tun zu können. Diese Zahl steigt bei den unter 30jährigen auf fast 40%.
 
Aber auch in anderen Bereichen kann die virtuelle Realität die HR unterstützen. So kann ein Mitarbeiter des Personalwesens Kandidaten die Standorte seines Unternehmens viel besser zeigen als es ein Video sogar mit 360° jemals könnte.

Weiterbildung durch unendliche Wiederholung von Handgriffen

Der andere große Nutzen der virtuellen Realität für die Wartung liegt natürlich in der Weiterbildung. Bevor ein Wartungstechniker zum Einsatz ausrückt, kann er alle dort verlangten Handgriffe unendlich oft üben und ohne Gefahr Fehler machen.
 
Dieses virtuelle Lernen ist besonders für Einsätze an sensiblen oder schwer zugänglichen Standorten wie des Zentrums eines Atomkraftwerks, einer Raffinerie oder eines Ölplattform im Meer nützlich.
 
Seit 2016 werden die Techniker von GRTgaz mit einer immersiven, interaktiven Software weitergebildet, die ihre Industrieanlagen zur Lieferung von Gas abbildet. Die Techniker können Ventile und andere Steuerungstools bearbeiten und sich so die perfekten Handgriffe und Reflexe für das reale Arbeiten aneignen. „Die Software reproduziert die industriellen Tools und bietet die Möglichkeit, auch seltene Aktionen zu simulieren, ohne die Kontinuität und Sicherheit von Gaswerken zu beeinträchtigen“, erklärt GRTgaz.
 
Das für die französischen Stromnetze verantwortliche Unternehmen RTE (Réseau de Transport d’Électricité) benutzt die erweiterte Realität, um Techniker weiterzubilden, die sensible, elektrische Anlagen wie zum Beispiel Überspannungsableiter oder andere Geräte, die das Netz vor Überspannung schützen, warten sollen (Quelle: L’Usine Digitale).
 

Sensibilisierung für Unfallrisiken auf der Arbeit

Schließlich muss noch gesagt werden, dass die virtuelle Realität hilft, Techniker für das Unfallrisiko auf der Arbeit zu sensibilisieren. Indem sie von Anfang an die richtigen Handgriffe anwenden, können sie Probleme des Muskel- und Knochenapparts verringern.